Bundesforschungsministerium fördert Medikamentenstudie gegen Long COVID in Erlangen

1,2 Millionen Euro stellt das BMBF für das Projekt reCOVer bereit. Das ermöglicht einem Forschungsteam vom Max-Planck-Zentrum für Physik und Medizin sowie vom Uniklinikum Erlangen einen Wirkstoff gegen Autoantikörper an einer größeren Gruppe von Patient*innen zu testen. In ersten Heilversuchen hat das Mittel namens BC 007 bereits ermutigende Erfolge gezeigt: Der Gesundheitszustand von Betroffenen, die nach einer Covid-19-Erkrankung unter deutlichen Beschwerden litten, verbesserte sich erheblich.

Biochip for real-time deformability cytometry. Foto: MPL

Biochip for real-time deformability cytometry. Foto: MPL

Martin Kräter (l.) and Jochen Guck. Foto: MPL

Martin Kräter (l.) and Jochen Guck. Foto: MPL

Ironman und Skilanglauf gehörten selbstverständlich zum Leben von Oliver G. (51), bis ihn eine Infektion mit Sars-CoV-2 traf: „Ich war ein Abziehbild von mir selbst und nicht ich“, erinnert sich der Allgäuer. Er fühlte sich ständig müde, war desorientiert und unkonzentriert, seinen Job als Key-Account-Manager konnte er nicht mehr ausüben.

Im Juli 2021 nahm er dann an einem Heilversuch der Augenklinik des Uniklinikums Erlangen teil. Er erhielt per Infusion das Mittel BC 007. Innerhalb weniger Tage verbesserte sich sein Zustand deutlich, seit September arbeitet er wieder. Ähnlich erfolgreich verlief auch die Behandlung dreier weiterer Patienten mit teils schweren Long-COVID-Symptomen.

Deshalb starten die Ärzt*innen nun gemeinsam mit der Abteilung Biologische Optomechanik des Max-Planck-Zentrums für Physik und Medizin (MPZPM) in Erlangen sowie mit Wissenschaftler*innen der Humboldt-Universität in Berlin und dem Helmholtz-Zentrum in München eine größer angelegte placebokontrollierte klinische Studie mit deutlich mehr Patienten. Bestätigt sich hier die positive Wirkung von BC 007, ist dies ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Zulassung als Medikament.

Möglich wird dies, weil das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Projekt namens reCOVer* jetzt mit knapp 1,2 Millionen Euro über mindestens anderthalb Jahre fördert. Das Vorhaben zählt damit zu den zehn Anträgen bundesweit, für die das Ministerium gerade insgesamt 6,5 Millionen Euro bereitstellt hat.

 

Herzmedikament gegen Long COVID

 

Projektkoordinatorin Bettina Hohberger, Fachärztin der Erlanger Augenklinik, hatte mit ihren Kolleg*innen beobachtet, dass im Blut von ehemaligen COVID-19-Patienten vermehrt Autoantikörper auftreten. Diese Moleküle des Immunsystems greifen spezielle Proteine auf der Oberfläche zum Beispiel von. Blutzellen an und können zu einer Verschlechterung der Durchblutung der Mikrogefäße im Auge führen. Die Messung der Durchblutung des Auges steht dabei stellvertretend für alle Organe. Eine schlechtere Blutzirkulation und damit Versorgung der Gewebe mit Sauerstoff im Körper könnte viele der Symptome von Long COVID erklären, so die Hypothese der Forschenden.

Von dem Präparat BC 007 war wiederum bekannt, dass es genau die gefährlichen Autoantikörper, die nach einer COVID-19-Erkrankung auftreten, unschädlich machen kann. Ursprünglich hat das Start-up Berlin Cures BC 007 als Herzmedikament entwickelt und auch schon erste Studie an Menschen durchgeführt. „Es waren viele Puzzlestücke, die auf einmal zusammenpassten“, erinnert sich Hohberger. Und die sie dazu brachten, den Wirkstoff erst an einigen wenigen Betroffenen und jetzt im Rahmen einer placebokontrollierten Studie zu testen.

 

Neben der Therapie geht es auch um die Aufklärung der Ursachen

 

„Wir werden im Rahmen von reCOVer wiederum die mechanischen Eigenschaften der Blutzellen quasi ertasten“, ergänzt Professor Jochen Guck, der die Abteilung Biologische Optomechanik am MPZPM leitet und in Personalunion derzeit Geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts in Erlangen ist. Dazu nutzt sein Team die selbst entwickelte Echtzeit-Verformungszytometrie, bei der es rote und weiße Blutkörperchen durch einen engen Kanal strömen lässt und jedes einzelne mit einer Hochgeschwindigkeitskamera aufnimmt.

Dabei verformen sich die Zellen auf charakteristische Art und Weise, allerdings bei Gesunden anders als bei Menschen mit COVID-Symptomen, wie die Wissenschaftler*innen in einer kürzlich veröffentlichen Studie zeigen konnten. „Unser Ziel ist es, nun zu beweisen, dass die Symptome bei Long COVID auf eine Veränderung der mechanischen Eigenschaften der Blutzellen zurückgeht“, erklärt Martin Kräter, Post-Doc in der Abteilung. Ihre Methode werde auch dabei helfen, die Wirkung von BC 007 besser zu verstehen. 

 

Menschen mit Long-COVID-Symptomatik, die an der Studie teilnehmen möchten, können sich bis per E-Mail an recover.au@uk-erlangen.de wenden. Die Mediziner*innen werden sie kontaktieren, sollten sie infrage kommen.


* „Autoantikörper gegen G-Protein gekoppelte Rezeptoren als schädliches Agens für die Mikrozirkulation und als Ursache für die Symptompersistenz in Long-COVID: Ein klinisch-experimenteller Ansatz“

 

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